Das Herz ist ein hohler Muskel
28-09-2026 / Jenny Schäfer
Tafel 1: Einverleibungen und Vereinnahmungen
Messestand, Hochzeitsmesse, Hamburg, 2024
Auf einem Messetisch für Eventmanagement sind Mon Chéri-Pralinen herzförmig angeordnet.
„Das kalte Herz“, Ahrenshoop, 2024
In der DEFA-Verfilmung (1950) von Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ sind die lebenden Herzen der Menschen, die der „Holländer-Michel“ gegen kalte Steinherzen eingetauscht hat, als Trophäen an einer Höhlenwand versammelt.
Valentinstag, Karstadt, Hamburg, 2024
Schaufensterauslage an Valentinstag, Apotheke, Hamburg, 2024
Mosaik in der Kapelle St. Marguerite-Marie Alacoque in der Basilika Sacré-Coeur de Montmartre, Paris, 2026Das Mosaik zeigt die Offenbarung von Paray-le-Monial. Im 17. Jahrhundert erlebte die französische Nonne Margareta Maria Alacoque (1647-1690) im burgundischen Paray-le-Monial Visionen. Jesus soll ihr sein Herz offenbart haben – als Sinnbild – „brennend vor Liebe für die Menschen“.
Teddy mit Herz, Nanu Nana, Hamburg, 2024
„Das kalte Herz“, Ahrenshoop, 2024
In der DEFA-Verfilmung „Das kalte Herz“ (1950) ist es der „Holländer-Michel“, gespielt von Erwin Geschonneck, der das Herz aus Rotwein auf den Tisch malt.
Herzkabinett, Münchner Residenz, München, 2025
Das Herzkabinett in der Münchener Residenz wurde um 1668/69 von Kurfürstin Henriette Adelaide von Savoyen initiiert. Die Deckengemälde werden dem Hofmaler Caspar Amort und Nikolaus Prugger zugeschrieben. Das Herzkabinett entstand als privater Rückzugsraum und sollte mit seiner barocken Emblematik die komplexe, zugleich schmerzhafte und tugendhafte eheliche Liebe darstellen – besonders die Verbindung zwischen Henriette Adelaide und ihrem Gemahl Ferdinand Maria, die beide im Alter von vierzehn Jahren per Stellvertreter verheiratet wurden.
Tafel 2: Hyperindividualität, Akkumulation und Konsumismus
Zaun vor der Basilika Sacré-Coeur de Montmartre, Paris, 2026
Die Liebesschlösser am Zaun vor der Basilika Sacré-Coeur de Montmartre symbolisieren den Wunsch vieler Paare, ihre Liebe dauerhaft sichtbar zu machen. Vor der Basilika verkaufen Händler*innen illegal die Schlösser. Das Anbringen von Liebesschlössern ist offiziell nicht erlaubt, weil das Gewicht und Rost die Zäune beschädigen. Fragmente alter Schlösser liegen auf der Wiese hinter den Zäunen.
Messestand, Hochzeitsmesse, Hamburg, 2024
Paare lassen sich auf der Hochzeitsmesse von Ausstellenden zu allen Bereichen einer Hochzeit informieren, inspirieren und beraten – von der Kleidung und den Ringen bishin zu Locations, Fotografie und Feierplanung.
Bilderrahmen mit Muscheldekor in einem Souvenir-Shop, Demre, 2023
National Covid Memorial Wall, London, 2025
Die privat initiierte Gedenkstätte am Südufer der Themse mit über 240.000 handgemalten roten und rosa Herzen, von denen jedes an ein COVID-19-Opfer im Vereinigten Königreich erinnert und oft Namen oder persönliche Botschaften trägt oder Mitarbeiter*innen des National Health Service dankt.
Spielzeugponys mit reflektierenden Herzen in den Augen, Toysino, Perle Passage, Hamburg, 2024
Bildschirmfoto der Startseite des Online-Versandhändlers amazon, Hamburg, 2026
Detailaufnahme des Eingangstors der Kathedrale Saint-Étienne, Bourges, 2026
Die Kathedrale wurde zwischen dem späten 12. und späten 13. Jahrhundert erbaut. Bisher konnte ich nicht herausfinden, wann die Holztore mit den geflügelten Herzen entstanden sind. Sie wurden wahrscheinlich später ergänzt. Die hölzernen Südeingangstüren der Kathedrale aus dem 15. Jahrhundert zeigen das Wappen von Renauld Boisseau, Sekretär von Jean Coeur und Domherr. Er stiftete diese Türen und war eines der wenigen Mitglieder des Domkapitels, dessen Grab im 19. Jahrhundert noch im Kirchenschiff zu sehen war. Das „I“ (Iohanes) von Jean Coeur mit geflügelten Herzen verweist auf den Sohn von Jacques Coeur, dem Erzbischof der Kathedrale.
Detailaufnahme einer Handtasche aus einem Souvenirshop, Paris, 2026
Laut Eva Illouz sind Herz-Souvenirs in Paris ein Beispiel dafür, wie Romantik im Kapitalismus zu einer Ware wird, die Konsum sichtbar und erlebbar macht. Für Illouz ist Liebe in diesem Sinne nicht nur ein Gefühl, sondern wird durch Orte, Symbole und Produkte wie diese Souvenirs kulturell und wirtschaftlich inszeniert.
Tafel 3: Geben, Halten, Berühren
Ein Paar bringt ein Liebesschloss an der Pont des Arts an, Paris, 2026
An der Pont des Arts bringen Paare Liebesschlösser an, um ihre ewige Liebe zu symbolisieren – oft wird der Schlüssel danach in die Seine geworfen. Die Stadt Paris hat das inzwischen verboten. Die Liebesschlösser auf der Pont des Arts wurden 2015 entfernt nachdem bereits am 8. Juni 2014 ein Teil des Geländers unter der Last eingestürzt war. Insgesamt wurden damals etwa eine Million Schlösser mit rund 45 Tonnen Gewicht entfernt. Die Gitter wurden durch Glasscheiben ersetzt, damit keine neuen Schlösser mehr befestigt werden können.
L‘offrande du coeur, Museum Louvre, Paris, 2026
Der Wandteppich „Die Darbringung des Herzens“ wurde um 1400 produziert. Er zeigt eine höfische Szene des 15. Jahrhunderts: Ein Mann tritt auf eine adlige Frau zu und reicht ihr ein kleines Herz – eine poetische Metapher, die eine Liebeserklärung evoziert, welche den Beginn eines Lebens voller Abenteuer und heldenhafter Taten markieren soll. Das Thema „Geschenk des Herzens“ taucht häufig in höfischen Romanen auf, etwa im „Roman de la Rose“ aus dem 13. Jahrhundert.
Bildschirmfoto von Molly Williams aus der ersten Generation der Animationsserie „My Little Pony 'n Friends“, Hamburg, 2025
Das kleine Herz, das Molly Williams in der Hand hält, ist ein zentrales Motiv ihres Charakters, da sie oft eine Latzhose mit einem großen roten Herzen auf der Brust trägt.
Jesusstatue im Pilger- und Besucherzentrum Sanctuaire de Paray-le-Monial, Paray-le-Monial, 2026
Detail des Denkmals für das Herz von Anne de Montmorency (1571), Museum Louvre, Paris, 2026
S. 78 aus dem Buch Keith Haring (Prestel, 1997) auf dem Boden der Bibliothek des Fachbereichs Kulturwissenschaften (Bibliothek Kunstgeschichte) der Universität Hamburg, Hamburg, 2025
Vier Jesus-Statuen aus Kunstharz im Souvenirshop der Basilika Sacré-Coeur de Montmartre, Paris, 2026
Bildschirm der Souvenir-Münzpr.gemaschine in der Basilika Sacré-Coeur de Montmartre, Paris, 2026
Tafel 4: Einschreibungen und Verinnerlichungen
Kuscheltier, St. Nicholas Church, Kenilworth, 2025
Kleine Andachtsbilder, Klostershop, Paray-le-monial, 2026
Die französische Nonne Marguerite-Marie Alacoque (1647–1690) hatte Visionen von Jesus Christus, in denen ihr sein von Dornen umgebenes Herz erschienen sein soll. Nach eigener Aussage erhielt sie von Jesus den Auftrag, die Verehrung seines Heiligsten Herzens in der Kirche zu verbreiten. Alacoque wurde erst für „verrückt“ erklärt, bis ihr geistlicher Begleiter Claude de la Colombière zu ihrer Anerkennung beitrug. Heute ist Paray-le-monial ein bedeutendes Pilgerziel in Frankreich, zentriert um die Basilique Sacré-Coeur.
Gertrude von Hefta, Postkarte, ebay, 2025
Die Mystikerin und Nonne Gertrud von Helfta lebte im 13. Jahrhundert. Ihre Herzvisionen spielten eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der Herzfrömmigkeit.
Detailaufnahme, Musée du Coeur, Königliche Museen für Kunst und Geschichte, Brüssel, 2025
Eine Abbildung aus dem christlichen Erbauungsbuch „Das Herz des Menschen: Entweder ein Tempel Gottes, oder eine Wohnung des Satans“ (Johannes Evangelista Gossner 1773–1858).
Eine von zehn symbolischen Darstellungen, die den inneren Zustand eines Menschen wiedergeben sollen, um so zu einem christlichen Lebenswandel zu animieren.
Kuscheltiere, Spielzeugladen, London, 2025
Darunter:
Screenshot der Stockbilder-Plattform Alamy, Hamburg, 2026
Die Tattoo-Vorlagen zeigen den omnipräsenten Einfluss des Hamburger Tätowierers Christian Warlich auf die gegenwärtige Welt der Tattoos. Vorstellungen, dass sich das Göttliche im menschlichen Herzen niederlässt, einprägt oder einschreibt, lassen sich bis zu frühchristlichen Kirchenvätern wie Augustinus von Hippo (354 bis 430 nach Christus) zurückverfolgen und waren in Frauenklöstern des Mittelalters und der Frühen Neuzeit besonders präsent („Das Herz in den Bildmedien religiöser Frauengemeinschaften“, Dr. Maria Schaller, 2024). Bis in die Gegenwart lassen sich Menschen Herzen tätowieren, beispielsweise mit Bezug auf das Hamburger Bier “Astra” oder in Verbindung mit religiösen oder familiären Inschriften.
Tafel 5: Besitzen, Beschwören
Thorax-Ausschnitt, Hamburg, 2026
Diddl-Maus, Spielzeuggeschäft, Bourges, 2026
Die Diddl-Maus wurde in den 1990er-Jahren von dem Zeichner Thomas Goletz in Deutschland erfunden. 2026 wurde die Kultfigur erneut aufgelegt. Auf dem Warenetikett umarmt Diddl ein Herz, ganz ähnlich wie die Wächterfigur am Palais Jacques Coeur aus dem 15. Jahrhundert.
Wächterfigur, Palais Jacques Coeur, Bourges, 2026
Jacques Coeur (1395–1456) war ein einflussreicher, französischer Händler und Schatzmeister König Karls VI, der sich in Bourges das prächtige Palais Jacques-Coeur bauen ließ. Die Fassaden und Innenräume des Palais Jacques-Coeur sind mit unzähligen Herzen verziert. Durch seinen weitreichenden Mittelmeerhandel und seiner Corporate Identity trug Jacques Coeur mutmaßlich dazu bei, das Herzsymbol in Europa bekannter zu machen, seine Maßlosigkeit brachte ihn jedoch zugleich in Schwierigkeiten. Das Palais Jacques-Coeur ist eines der bedeutendsten Beispiele spätgotischer Profanarchitektur und macht sichtbar, wie mächtige Kaufleute im 15. Jahrhundert ihren Reichtum durch Architektur inszenieren konnten.
Aufgerissene Betonplatten, Kloster Memleben, 2025
Kaiser Otto der Große starb 973 in der Kaiserpfalz Memleben. Sein Leichnam wurde für die vierwöchige .berführung nach Magdeburg einbalsamiert, während sein Herz und seine Eingeweide vermutlich in Memleben bestattet wurden. 2023 begannen Archäolog*innen öffentlichkeitswirksam in den Fundamenten der Klosterkirche nach seinem Herzen zu suchen: „Des Kaisers Herz – Archäologische Tiefenfahndung am Sterbeort Ottos des Großen“
Dekoengel mit Herz, Souvenirgeschäft, Bourges, 2026
„Das kalte Herz“, Ahrenshoop, 2024
Hannah Rucker reagiert als „Schwarzwaldmädchen Lisbeth“ auf die Wesensveränderung ihres Mannes Peter Munk, der sein Herz gegen ein Herz aus Stein getauscht hat. Später bringt er Lisbeth um, nachdem sie dem als Bettler verkleideten „Glasmännlein“ heimlich Speis und Trank gegeben hat.
Styroporherzen, KiK, Hamburg, 2024
Mater Dolorosa, Musée du Coeur, Königliche Museen für Kunst und Geschichte, Brüssel, 2025
Büste der Muttergottes der Sieben Schmerzen aus dem 18. Jahrhundert. Die Skulptur ist vermutlich eine sogenannte Madonna da vestire, also eine Marienfigur mit einfachem Holzkörper, die bekleidet werden kann. Wohlhabende Frauen spendeten dafür kleine Mäntel und Schmuck, während sogenannte Camareras die Statue je nach Kirchenfest umzogen. Später wurde diese Praxis innerhalb der Kirche kritisiert und teilweise verboten, weil man sie für unangemessen hielt. Das Musée du Coeur ist eine Sammlung mit über 500 Herzobjekten aus dem 16. bis 20. Jahrhundert. Der Kardiologe Noubar Boyadjian hat sie dem Museum 1990 übergeben.
Tafel 6: Aufbewahren, Einschließen, Bewachen
Herzgrüftl, Graz, 2025
Das Herzgrüftl befindet sich im Mausoleum von Ferdinand II. neben dem Grazer Dom. Die kleine Seitenkapelle beherbergt sich sechs Herzurnen u.a. von Kaiser Ferdinand II. und von seiner Mutter, Maria von Bayern. Herzbestattungen waren vor allem in europäischen Herrscherhäusern verbreitet. Sie bringen eine besondere Verehrung des Herzens zum Ausdruck, das im Christentum traditionell als Sitz der Seele konzipiert wird, aber auch als Ort des „wahren“ Glaubens und Erinnerungsorgan.
Riechdosen, Musée du Coeur, Königliche Museen für Kunst und Geschichte, Brüssel, 2025
Antike Riechdosen aus vergoldetem Silber oder Glas wurden im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert gefertigt. Sie dienten zur Aufbewahrung von Riechsalzen oder Parfüm und wurden zu begehrten Luxus- und Modeobjekten, als sich die Herstellung von Parfüm von einer handwerklichen Apothekerkunst zu einer kommerziellen Konsumindustrie wandelte.
Disney Pins, World of Disney Shop, Chessy, 2026
Disney Pins sind kleine metallene Sammler-Ansteckpins aus der Welt von The Walt Disney Company, die in Parks, online oder bei Events verkauft werden und durch „Pin Trading“ sowie limitierte Auflagen besonders als Tausch- und Sammlerobjekte beliebt sind. 2026 erschien exklusiv für Disneyland Paris die Medaillon-Edition „Love of Disney Prince Pin Badge x Aladdin’s, Flynn, Eric & Philip“.
Liebesschlösser, Souvenirgeschäft, Paris, 2026
Direkt an der Seine kann man für wenig Geld Liebesschlösser kaufen, um diese unerlaubterweise an den Zäunen nahe der Sehenswürdigkeiten, Seinebrücken oder am Eiffelturm anzubringen.
Messestand, Hochzeitsmesse, Hamburg, 2024
Christliche Messeaussteller*innen bieten auf der Hamburger Hochzeitsmesse Informationen zu kirchlicher Trauung, zur Ehe als Sakrament und zu seelsorgerlichen Angebote an.
Schloss, Palais Jacques Coeur, Bourges, 2026
Im Palais Jacques Coeur taucht das Herzsymbol als persönliches Emblem von Jacques Coeur nicht nur als Türbeschlag auf, sondern auch als Holzschnitzerei, Fenster, Fassadendekoration, Maßwerk und in seinem Wahlspruch „À coeur vaillant, rien d’impossible“.
Alice‘s Curious Labyrinth, Disneyland Paris, 2026
Die Herzkönigin ist die Hauptantagonistin in der Disneyadaption von „Alice im Wunderland“ (1951). Die Wächter der aufbrausenden Herzkönigin sind lebende Spielkarten.
Herzgruft, Augustinerkirche, Wien, 2025
In der Herzgruft der Loretokapelle in der Wiener Augustinerkirche befinden sich die Herzurnen von 54 Mitgliedern der Herrscherfamilie Habsburg. 2011 fand die Beisetzung der Herzurne von Otto von Habsburg im Benediktinerkloster Pannonhalma nahe Budapest statt.
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Das Herz ist ein hohler Muskel
Jenny Schäfer
6 Tafeln sowie einzelne Objekte und Fotografien
Ausgestellt in der Ausstellung „Liebe Grüße, Jenny“ in der Galerie kleine gegenwart in Hamburg vom 18.09.2026 bis 30.10.2026





